Daniel Schäfer ist ein bemerkenswert merkwürdiger Vogel.

Den meisten von Ihnen wird weder sein Geburtsname noch sein Künstlername BRAEBYS etwas sagen. Aber einige werden ihn vom Sehen kennen und ihm womöglich schon einmal hier in Saarbrücken, seiner Heimatstadt, begegnet sein – vielleicht sogar näher, als Ihnen lieb war. Daniel Schäfer ist nicht zu übersehen: Mit seinem Mountainbike ist er viel unterwegs. In oft rasender Eile durchkreuzt er die Stadt und mehrfach war er auf großer Fahrt zu Zielen in Deutschland und im Ausland. Dabei hat er es nach eigenen Angaben in rund 15 Jahren auf bislang mehr als eine halbe Million Fahrradkilometer gebracht. Daniel Schäfer ist nicht zu überhören: Gelegentlich kann man ihn in der Stadt antreffen, auf die „Plattmacher“ schimpfend, „die ihre Kinderseelen verloren haben.“ Mit seinen lautstarken Protestreden, die sich gegen ein zunehmend konsumorientiertes und egozentrisches Verhalten richten, will er aufrütteln. Er möchte zum Nachdenken anregen und zum Innehalten vor dem Abgrund bewegen. In einer spannungsgeladenen Mischung aus Sorge und Zorn mahnt und warnt er vor einer apokalyptischen Zukunft. Daniel Schäfer ist mit herkömmlichen Maßstäben und Begriffen nicht zu fassen. Als Einstieg in die rätselhafte Welt Daniel Schäfers komme ich noch einmal auf den weiter oben angesprochenen „ merkwürdigen Vogel“ zurück. Im ersten Obergeschoss, ausgewiesen mit der Nummer 54, finden Sie das großformatige Gemälde „€ahrrad fahrender Baumvogel“ von 1998. Ich meine, dass dieses Bild einiges über seinen Urheber verrät. Auf den ersten Blick ist das dargestellte Tier gar nicht leicht zu erkennen. In Ruhestellung hat sich das bunte Gefieder weitgehend den Farben der Umgebung angepasst. Allerdings fällt die Vorstellung nicht schwer, diesen exotischen Vogel lebhaft lärmend umherfliegen und sein Revier behaupten zu sehen. Ähnlich verhält es sich mit Daniel Schäfer.

Über längere Phasen lebt auch er zurückgezogen, fast verborgen. Seine Wohnung in Brebach hat er zu einem Nest ausgebaut, das in seiner unüberschaubaren Fülle und Gedrängtheit zunächst chaotisch anmutet. Bei näherem Zusehen erweist sich jedoch, dass die angebrachten Werke Schäfers und die banalen Gegenstände eines Haushaltes mit Bedacht einander zugeordnet, sorgfältig arrangiert und in einem atmosphärischen Ganzen gefasst sind. Aus dieser exotischen Umgebung startet Daniel Schäfer mit dem Fahrrad, mit Bus und Bahn zu seinen Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung. Unerwartet taucht er hier und dort auf, um zu Beobachten und zu Sammeln, aber auch um zu zeigen, dass er da ist. Hiervon zeugen neben seinen lautstarken Auftritten auch zahlreiche Fotografien, auf denen er selbstbewusst und selbstkritisch zugleich vor Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffel-Turm, dem Brandenburger Tor oder der Rialto-Brücke posiert. Die auf seinen Reisen gewonnenen Anregungen und Gedanken hält Daniel Schäfer stichwortartig fest. Die im Telegrammstil niedergeschriebenen Notizen sind das Ausgangsmaterial für die mitunter langen und nicht selten orakelhaft klingenden Bildtitel, von denen hier einige eindrucksvolle Beispiele zu finden sind. Genauso überraschend wie er auftaucht, kehrt Daniel Schäfer nach seinen Ausflügen wieder in das Nest in Brebach zurück, um in der Abgeschiedenheit seine Eindrücke bildhaft-anschaulich werden zu lassen. In der nur schwer zu findenden Wohn- und Arbeitshöhle lenkt nichts vom Zeichnen, Malen und Objekteschaffen ab. Es gibt kein Telefon und kein Fernsehgerät. Hier wird der 1958 geborene Daniel Schäfer zu BRAEBYS. Die frühesten hier in dieser Ausstellung zu sehenden Arbeiten sind 1983 bis 87 entstanden. Es sind kleine Formate in Öl und Acryl, die vielfach vom Surrealismus eines Dali oder der Formen- und Farbenwelt eines Picasso geprägt sind. Ich erinnere hier z.B. an die berühmte „blaue Periode“ des Spaniers. Von Beginn an schwingt in diesen Arbeiten Schäfers, die im Treppenhaus und im Fenster präsentiert werden, nicht nur Unwirkliches mit, sondern auch Menschenferne, Leere und Verlassenheit. Der heimelig anmutende Bildtitel „Das Essen ist fertig!“ von 1983 täuscht. Wo soll man sich an diesem Tisch zur Mahlzeit niederlassen? Was wurde aufgetragen? Eine mit Gras und Bäumen bekrönte Stehlampe oder vielleicht doch die realistisch gemalte und verführerisch rot leuchtende Kirsche? Diese und andere Szenarien, die der Maler noch mit „Daniel“ oder „D. Schäfer“ signiert, sind nicht nur menschenleer, sondern sie sind abweisend. Mauern wirken eher ausgrenzend als beschützend, leere Flächen eher wüst als befreiend. Schon in den frühen Arbeiten taucht der Mensch überwiegend als eine deformierte Gestalt auf. So zeigt der „Kugelkopf“ von 1983 vor einem aufgewühlten, bodenlosen Hintergrund in kaltem Blau eine schmerzverzerrte Fratze mit Blut unterlaufenen Augen. Demgegenüber erscheint eine Reihe von Werken aus den Jahren 1987 bis 88 in weich fließenden Formen und harmonischen Braun-, Blau- und Pastelltönen. Ich denke hierbei zum Beispiel an die Positionen 37 bis 41. Da treten – einzeln oder in Gruppen – üppige Figuren auf, die wie aus Kartoffeln gefügt sind. In „Unfall auf der Hütte“ kommt eine Art spitzer Dolch einem fülligen Leib bedrohlich nah. In unübersehbar sexueller Erregung und bacchantischer Begierde schwelgen die nackten „Waldmännchen“ von 1988 und erscheinen dennoch als Marionetten – stumm, dumpf und fremdbestimmt. Der Mensch in den Gemälden des Malers BRAEBYS und in der Weltsicht des Daniel Schäfer ist sowohl äußerlich als auch innerlich tief verletzt. Das Jahr 1988 markiert eine Zäsur im Werk von Daniel Schäfer. Ende März, Anfang April jenes Jahres erfindet er abends um 18.00 Uhr den €AHRRADISMUS und arbeitet seit einer Reise an den Comer See am 19. Juli desselben Jahres unter dem Namen BRAEBYS. Der Name ist ein Kunstprodukt, das aus der Verbindung des verzerrten Ortsnamens Brebach mit französischen bzw. griechischen Silben entstanden ist und seiner Bedeutung nach mit Schafskäse zu tun hat. Mit der Begründung des €ahrradismus findet BRAEBYS nicht nur seinen bis heute andauernden Malstil Seit Sommer 1995 wird außerdem das Wortpaar „€ahrrad fahrend“ unabdingbarer Bestandteil seiner Bildtitel. Dies gilt auch für zahlreiche ältere Arbeiten, die BRAEBYS im Nachhinein umbenennt. Mit einem Fahrrad im engeren Sinne hat das im Bild dargestellte zumeist nichts zu tun. Das Fahrrad steht vielmehr als Symbol für all das, was sich im Leben dreht und bewegt, Der Begriff €ahrradismus bezeichnet die Art und Weise, wie BRAEBYS seine Erlebnisse beim Radfahren und die dabei gewonnenen Sinneseindrücke verarbeitet und bildhaft anschaulich macht. Das entscheidende gestalterische Element dabei ist die Dynamik. Die zumeist langen und oft minutiösen Titel können das Dargestellte erhellen, aber sie können es auch verdunkeln. Titel wie „Ein-Fahrrad-fahrendes-Baby-verwandelt-sich-im-Jahr-2000-in-Beethoven-und-schreit-50-Prozent-der- Menschheit-in-Grund-und-Boden“ (Bildnummer 47) machen den Einstieg in die Gemälde nicht eben leichter. Dagegen verrät ein Titel wie „Der-deutsche-Impressionismus-ist-im-Arsch,-sagt-ein-Farrad-fahrendes-Fahrrad“ etwas darüber, dass BRAEBYS sich auch mit der Kunstgeschichte befasst. Ein auffälliger Beleg dafür sind Signaturen wie „BRAEBYS-Leonardo-Beuys“. „BRAEBYS-Liebermann-Marc“ oder „BRAEBYS-Einstein-Galileo“ und andere Kombinationen berühmter Namen aus Kunst und Wissenschaft. Auf jeden Fall wecken die phantastischen und komischen, bisweilen völlig überdrehten Titel die Neugierde, zu erkunden und zu erkennen, was im Bild gezeigt wird. Die inhaltliche Bandbreite der Werke ist groß. Schäfers Kritik an den unzureichenden gesellschaftlichen Verhältnissen geht oft einher mit Themen aus Natur, Technik, Religion und Mythos sowie aus Politik, Kunst und Gesellschaft. So zeigt „Das Fahrrad fahrende Römerbrünnchen in Richtung Eschberg“ von 1989 (Nr. 6) ein dichtes Gefüge gigantischer Hochhäuser, in deren Zentrum – wie in einem Sarg aus Glas, Stahl und Beton – das auf dem Kopf stehende Gesicht von Schneewittchen erscheint. BRAEBYS ist fasziniert von den physikalischen Phänomenen Zeit und Raum. Immer wieder tauchen das All, die Planeten, die unermesslichen Entfernungen und Zeiträume in seinen Bildern und Titeln auf. Überhaupt haben Zahlen – ich habe eingangs von rekordverdächtigen Bildproduktionen und Radkilometern gesprochen – eine große, fast mythische Bedeutung für BRAEBYS. Seit einiger Zeit datiert er seine Werke um 1000 Jahre voraus. BRAEBYS’ Bildideen entspringen einer reichen und vitalen Phantasie. Der spontane und ungezügelte Ideen- und Gestaltungsdrang bringt immer neue Farb- und Formvariationen hervor, die hinsichtlich ästhetischer Normen von hohem Freiheitsgrad zeugen. Erinnerungen an die unbändige Kraft der italienischen Futuristen und die unverbildete Kunst der Art Brut kommen auf. Die zumeist flächenhaften Darstellungen und die bis zum Bersten geladene Energie lassen in ihrer Gedrängtheit das Gefühl des Horror vacui aufkommen. Die Bildelemente stehen in dichter und mehrfacher Verbindung, vervielfachen, verzerren, bedrängen und beschleunigen einander. „Der-Fahrrad-fahrende-Jesus“ von 1998 (Bild Nr. 58) ist wie elektrisiert, er vibriert, schrumpft und weitet sich zugleich in stoßenden Wellen. Wie eine Kreissäge nähert sich eine zersplitterte Schallplatte der wehrlos im Bildgeviert verspannten Figur. Andere Gestalten werden durch mehrfach wiederholte Linienzüge umrahmt oder besser gefesselt, um sie sozusagen vor ihrer selbstzerstörerischen Kraft zu schützen. Andere Werke erreichen eine fast schon feierliche Dimension. Die drei Tafeln „Die Fahrrad fahrenden Fahrräder“ von 1995 ragen hoch hinauf und erinnern entfernt an Tapisserien: In traumwandlerischer Sicherheit im Umgang mit Farbe und Form wirkt BRAEBYS ein dichtes Gewebe aus technoiden und dennoch natürlich anmutenden Elementen. Die Werke von BRAEBYS verunsichern und verschrecken bisweilen. Sie geben Einblick in eine phantasiereiche und rätselhafte Welt. Sie sind der unverstellte Ausdruck von unauflösbarer Verstricktheit mit den Menschen und den Dingen und stehen dennoch in einer zugleich ironisch-humorvollen Distanz zu ihnen. Ich wünsche Ihnen viel Freude an den originellen und phantastischen, oft auch bezaubernden Werken, die der merkwürdige Vogel BRAEBYS aus seinem Nest, diesem „Environment der Vitalität“, mitgebracht hat. Es sind Schöpfungen eines Außenseiters, der uns an seiner Beziehung zur Welt teilhaben lässt: Wie der Mensch zur Welt steht, so sieht er sie. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dr. Berthold Schmitt, Kunsthistoriker